Umsicht… manchmal so dumm nicht…


Liebe Zeckenfreunde,

als Donnerstag  die Info kam, dass in der Südkurve am Montag kein Vollbier ausgeschenkt werden soll, entstand eine rege Diskussion innerhalb unseres Fanclubs. Da wir sagen können, dass all unsere Mitglieder mündig sind, ergaben sich unterschiedliche Standpunkte, die zu einem breiten Meinungsbild führten.

Als Verfasser, weise ich daher darauf hin, dass die Ausführungen anbei, nur ein Teil unseres Meinungsbildes widerspiegelt und nicht bedingungslos für alle Mitglieder spricht.

War früher alles besser oder nur anders?

In genau 4 Tagen jährt sich mein erster Besuch am Millerntor(damals noch Wilhelm-Koch-Stadion). Am 20.11.1994 im Alter von 9 Jahren, hatte ich das Glück, durch Karten des Deutschen Rings auf den Holzbänken vor den Zäunen Platz zu nehmen. Der FSV Mainz 05, damals noch von uns als Karnevalsverein besungen, wurde mit 3:1 besiegt. Im Mainzer Sturm lief ein gewisser Jürgen Klopp auf und nach Toren von Martin Driller und Dirk Dammann, sorgte Ho-Ho-Hollerbach für die Entscheidung. Zeitnah sollte auch das zweite Heimspiel folgen, erstmals Flutlicht, erstmals ein Freitagspiel. Am 24.02.1995 schaute kein geringerer Gegner als F….g Hansa Rostock am Millerntor vorbei. Nachdem uns Jens und Youri mit 2:0 in Front geschossen hatten, sah ich erstmals von einer Bank vor der Nordkurve, direkt hinter dem Kasten, wie fast die gesamte Südkurve entflammt wurde. Bis zum Umbau hatten die Gästefans nämlich Ihren Auswärtsblock auf unserer Süd. Klaus „das Tier im Tor“ schrie immer wieder, er könne nichts sehen und schmiss sich auf Verdacht in die Ecken, um Schüsse von Beinlich, Baumgart und Co zu entschärfen. Das Ergebnis konnte beibehalten werden.

 Pyrotechnik, abgebrannt durch Heimfans? Damals kaum denkbar! Vielmehr sang das gesamte Stadion immer „Ihr seid doof, Ihr seid doof!“ wenn wieder mal im Gästeblock gezündelt wurde. So blieb es viele Jahre, bis gelegentlich auch auswärts, wie in Rostock (nach dem Wiederaufstieg in Liga 2) auch mal unser Block rauchte.  Beim legendären Derby-Sieg wurde auch „gefackelt“ was Ausschreitungen im Gästeblock auslösen sollte. Auch gegen Köln qualmte es in der BL, bei attraktiver Choreo, unter dem Motto „Freude schöner Voodoo-Zauber, das ist unser St.Pauli“ auf der Süd…
Natürlich ein farbenfrohes Ereignis, das eigentlich jeder von uns gern mal zu Gesicht bekommt. Die Bunkeraktionen zum Demoaufruf, aber besonders zum Jubiläum des Derbysieges im letzten Jahr, als Fürth zu Gast war, war ein beeindruckendes Schauspiel, dass bundesweit gefeiert wurde. Das Schöne daran…. der FCSP konnte nicht belangt werden, da außerhalb des Stadions! Wenn nun bei Heimspielen gezündelt werden soll, was uns doppelte Strafe kostet, da sowohl für die zündelnde Fangruppe, als auch die mangelhafte Kontrolle beim Einlass, dann bitte selten und mit Umsicht. Es sollte etwas Besonderes bleiben….Eben zu einem Jubiläum, oder wenn man nach zig Jahren, wieder einen Erstligisten im Pokal zu Gast hat (BVB d. Rd.), kann ein überschwängliches Abfeiern rechtfertigen. Auch waren es jeweils Flutlichtspiele…

Entsprechend war die Verwunderung groß, als sich abzeichnete, dass mittig in der Süd eine Vermummung in Arbeit war. Sonntag mittags um 14:30 Uhr bei Sonnenschein? Bei dieser Aktion schüttelten selbst einige Pro-Pyro-Bekenner verwundert die Köpfe. Warum erstmals um 14:30 Uhr? Es geht nicht darum, dass aus dem sonstigen Farbenspiel, durch das Tageslicht ein reines Räucherspiel wurde. Es geht darum, dass es an Umsicht fehlte und damit einer der ältesten Werte des FCSP missachtet wurde…..

Liebe Feuergeister der Südkurve,

habt ihr eigentlich bemerkt, wer unter den massiven Rauchschwaden eures Gezündels am meisten zu leiden hatte? Der Qualm zog in aller Kraft in den voll besetzten Kinderblock der Rabauken. Die kleinen Stöpsel, die ihr nach dem Einlaufen, beim Rausflitzen noch beklatscht habt, wurden völlig eingenebelt. Neben dem gesundheitlichen Aspekt (wir waren, wie immer, beim Marsch vom Michel zum Stadion dabei, sodass beim Knipsen der gemeinsamen Fotos, Erfahrungen gemacht wurden, wie beißend sich das Feuerwerk auf die Atemwege auswirken kann) jagt ihr unseren jüngsten Anhängern große Angst ein. Wie sollen die zum Teil 3 Jahre alten Kids damit umgehen, wenn sie plötzlich keine 5 Meter mehr weit gucken können? Ist es das wert?

Konstruktive Reflektion hat oftmals seinen Lohn:

Auch unsere jüngsten gehören geschützt. Daher hoffe ich sehr auf eine konstruktive Reflektionen der Ereignisse und das der Rabaukenfaktor lediglich nicht durchdacht wurde. Muss Zündeln sein? Tagsüber vor allem? Bei Abendspielen ist der Kinderanteil deutlich geringer! Es geht doch auch anders! Gern erinnere ich mich an den Heimsieg in der BL gegen Gladbach, als für die Freilassung der Ikone „Oli“ aka. „Oz“ demonstriert wurde. Kurz vor Anpfiff setzten wir mit Hunderten bunten Luftballons ein Statement zu seiner Freilassung . Auch auf diesem Wege, würde das Spiel sehr farbenfroh beeinflusst.

Es geht nicht darum jemanden aktuell an den Pranger zu stellen. Viel mehr wünschen wir eine gesunde Selbstreflektion des eigenen Verhaltens. Denn das ist ein Zeichen von Größe und für das Bestreben sich weiterzuentwickeln. Es wäre auf Grund der Kinder schön, wenn man Fackeleien auf die Abendspiele beschränkt, an denen, wenn überhaupt, nur wenige Kids im Block sind. „Wir waren zu erst da“, zieht in diesem Fall nicht, da die Kids keine Wahl haben, wo sie sitzen… ansonsten, um die maximale Entfernung zum Kinderblock zu haben, falls Rücksichtnahme nicht möglich ist, sollte man vielleicht sonst über einen Umzug nachdenken. Vielleicht auf die Gegengrade an den Rand zur Nord?

Die Spiele des FC St. Pauli sollen auch eine Veranstaltung für die Familie sein. Ich möchte mein Patenkind, der heute fast so alt ist , wie ich vor 21 Jahren, irgendwann mit ins Stadion nehmen, wie es damals mein alter Herr mit mir tat… nicht weil er Fan war, das wurde er erst durch mich… sondern weil das Umfeld in Mordor Mitte der 90er noch so deutlich von rechten Parolen geprägt war, dass ein bekennender Antifaschist seinem Sohn dieser Umgebung nicht zumuten konnte! Lasst das Millerntor weiter eine „Umgebung“ sein, in der sich auch die kleinen Gäste wohlfühlen!

Keiner von uns ist generell gegen das Abbrennen von Pyrotechnik, doch sollte jene mit Bedacht und Umsicht eingesetzt werden, sodass niemand zu Schaden kommt und gerade unsere kleinsten nicht in Angst und Schrecken versetzt werden! Gerade auf die kleinsten Fans sollte ein Augenmerk gelegt werden. WIR ALLE sind der FC St. Pauli, der für Toleranz steht und seit vielen Jahren für die Schwächeren eintritt!

Stetig ist nur der Wandel! Forza St. Pauli!

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